Dies ist ein Herbsttag…


Dies ist ein Herbsttag,
wie ich keinen sah!
Die Luft ist still,
als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd,
fern und nah,
Die schönsten Früchte
ab von jedem Baum.

O stört sie nicht,
die Feier der Natur!
Dies ist die Lese,
die sie selber hält,
Denn heute löst sich
von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl
der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel ist vor allem als Dramatiker bekannt; jedoch hat er auch als Dichter von lyrischen Gedichten Vollkommenes geschaffen: Eines dieser Gedichte, vielleicht das bekannteste dieser Art, ist das Gedicht „Herbstbild“.

Wir wissen, wann und wo das Gedicht geschrieben wurde: Oktober 1852 in Wien. Der Verfasser stand damals im neununddreißigsten Jahr; er war nicht mehr jung, wie er noch nicht alt war. Der Schauplatz Wien aber lieferte nicht nur die äußerliche Topographie, jene der in Überfülle schwelgenden Gärten und Weinhänge. Sie stellte auch eine zweihundertjährige Einübung auf das barocke Thema der Vergänglichkeit, mit unübersehbaren und mühelos zitierbaren Zeugnissen. Der vom Dichter beschriebene Augenblick ist der des österreichischen Barock. heitere Festlichkeit als inszenierter Vorwand für Fatalität und Trauer.