Liebesnacht

Die lauen Nächte des Juni laden ein, Eros zu huldigen.

Wohl war auf weiter Runde
Kein Menschenlaut mehr wach,
Als ich zu nächtlicher Stunde
In Deinen Armen lag.

Da schmolzen die Seelen zusammen
In heißer Liebesgluth;
Wir löschten vergebens die Flammen
Mit unsrer Küsse Fluth.

Und als ich fortgegangen,
Sah ich im Morgengrau’n
Auf Deinen Rosenwangen
Die lichten Thränen thau’n.

Und als ich still und selig
Dahinzog durch die Flur,
Da sah ich funkeln unzählig
Im Grase der Thränen Spur!


August Freudenthal (1851-1898) sammelte wie die Gebrüder Grimm Märchen aus seiner niedersächsischen Heimat. Seine Dichtungen haben ihm die Bezeichnung „Heidedichter“ eingebracht. Er war mit seinem Bruder auch Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Niedersachsen“. Das Gedicht Liebesnacht stammt aus der Sammlung Lyrisches. Teil II