Mailied



Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch.

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd‘, o Sonne!
O Glück, o Lust,

O Lieb‘, o Liebe,
So golden schön
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn,

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt!

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb‘ ich dich!
Wie blickt dein Auge,
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud‘ und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst.


Johann Wolfgang von Goethe verfasste dieses Gedicht vermutlich im Mai 1771 als 22-jähriger Jurastudent während seiner Studienzeit in Strassburg, da er sich zu Friederike Brion hingezogen fühlte.

Zu den sogenannten Sesenheimer Liedern gehören auch „Willkommen und Abschied“ und das „Heidenröslein“.

Rauschhaft von seiner Liebe eingenommen strömen die Phänomenen der aufbrechenden Natur auf das dichterische Ich ein.